TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 10. Juli 2018 von Christian Jentsch – In London regiert das Chaos

Innsbruck (OTS) - Der Machtkampf in der britischen Regierung um den Brexit-Kurs eskaliert. Nur kurz nach dem Rücktritt von Brexit-Minister Davis verkündete gestern auch Außenminister Boris Johnson seinen Rücktritt. Für Premierministerin May wird es eng.

Am 29. März kommenden Jahres verlässt Großbritannien die Europäische Union. Und um die Scheidung halbwegs über die Bühne zu bekommen, sollte zwischen beiden Seiten bis Herbst ein Abkommen ausgehandelt werden. Sonst droht ein ungeregelter Austritt, sonst droht das Chaos. Nur: Das Chaos hat längst begonnen. In London zerbröselt das Kabinett von Premierministerin Theresa May. Rund zwei Jahre nach dem Referendum, bei dem eine knappe Mehrheit der Briten nach einer Anti-Europa-Kampagne für einen Austritt aus der EU votierte, und neun Monate vor dem Austritt weiß in London niemand, wohin der Weg Großbritanniens führen soll. Die Zukunft erscheint vielmehr als ein schwarzes Loch.
Dabei wollte May zuletzt Licht in die Dunkelheit bringen und beorderte ihr zerstrittenes Kabinett am Freitag zu einer zwölfstündigen Marathonsitzung auf den Landsitz Chequers nordwestlich von London. Dort schwor sie die Regierung auf einen einheitlichen Brexit-Kurs ein, der nicht alle Bande zu Europa kappen soll – vor allem hinsichtlich des freien Warenverkehrs solle sich Großbritannien auch nach dem Austritt eng an den europäischen Binnenmarkt binden. Alles andere könnte in einem Desaster für die britische Wirtschaft enden. In Sachen Personenfreizügigkeit und beim Dienstleistungssektor will man sich freilich weiterhin von Europa abkoppeln. Doch das war den Brexit-Hardlinern wie Brexit-Minister David Davis und Außenminister Boris Johnson viel zu wenig. Für sie gibt es nur den totalen Bruch mit Europa, der Austritt aus dem Binnenmarkt und der Zollunion ohne Wenn und Aber sind für die strammen Brexitiers nicht verhandelbar. Johnson warnte vor einem „Klopapier-Brexit“, der „weich, nachgiebig und scheinbar unendlich lang“ sei. Und Mays Pläne soll er – um in seiner Diktion zu bleiben – als „Scheißhaufen“ bezeichnet haben.
Premierministerin Theresa May, die im Parlament nur noch über eine hauchdünne Mehrheit verfügt, sich bisher aber immer zwischen den Fronten durchzuschlängeln wusste, steht nun gewaltig unter Druck. Innerhalb ihrer eigenen Partei droht ein brutaler Machtkampf mit ungewissem Ausgang. May ist bei ihren Tories längst angezählt.
Die schöne neue Brexit-Welt, von den Europa-Kritikern als Befreiung gefeiert, wirft ihre Schatten voraus. Doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist schon zahlreiche Tode gestorben. Aus Great­ wird Little Britain.

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