Tiroler Tageszeitung. Leitartikel, Ausgabe vom 25. November 2022. Von MARCO WITTING. „Die Grüne Kernschmelze“.

Innsbruck (OTS) Innsbrucks Bürgermeister Georg Willi steht vor einem politischen Scherbenhaufen. Die Spaltung der eigenen Fraktion zeigt, dass dem Stadtchef das Amt vollends entglitten ist. Einziger Ausweg: Neuwahlen. Doch die wird es nicht geben.

Nach der Spaltung droht den Grünen in Innsbruck jetzt die Kernschmelze. Eine Kettenreaktion, die den Anfang vom Ende für Georg Willi als Bürgermeister bedeuten könnte. Der Stadtchef, vor viereinhalb Jahren mit großen Ambitionen und Hoffnungen gestartet, steht vor einem politischen Scherbenhaufen. Den Willi und sein engstes Umfeld zu weiten Teilen selbst verursacht haben. Der einzige Ausweg aus dieser Misere im Gemeinderat wäre eine Neuwahl. Doch die ist gestern nicht wahrscheinlicher geworden – daran werden die Gegner kein Interesse haben. Die Halbwertszeit im Amt wird für den Frontmann der Rest-Grünen damit nicht länger.
Die anderen Fraktionen können und werden sich in den nächsten Monaten nämlich genüsslich zurücklehnen und aus der ersten Reihe beobachten, wie Willis Chancen auf die Wiederwahl mitsamt seinem Mantra den Inn hinunterrinnen. Bisher hatte sich der Bürgermeister stets in einer Mischung aus Trotz und Selbstmitleid auf die Position zurückgezogen, dass die anderen alle gegen ihn sind. Ihn blockieren. Nun: Jetzt ist auch ein Teil der eigenen Leute gegen ihn. Ganz offen. Ganz unverhohlen. Und vor allem mit denselben Argumenten, die auch schon die anderen Parteien gegen den Stadtchef ins Rennen geführt haben. Fehlende Transparenz, fehlende Kommunikation, ständige Alleingänge und Überschriften statt Inhalte. Die Kernreaktion im Inneren der Innsbrucker Grünen hat Willis Gebarung rund um das Personalamt ausgelöst. Gebrodelt hatte es schon vorher. Dann kam der Knall. Die Nibelungentreue zur Personalchefin ist auch für viele Grüne (sofern sie nicht dem engsten Kreis im Bürgermeisterbüro angehören) nicht verständlich. Die Einsicht, Fehler gemacht zu haben, ist im Team rund um Willi schlichtweg nicht vorhanden. Das zeigte sich auch gestern wieder. Selbstkritik? Selbstreflexion? Fehlanzeige. Auch nicht, nachdem ein Drittel der eigenen Fraktion sich verabschiedet hatte.
Bisher konnte sich Willi auf gute Umfragewerte stützen. Er schien sie als Legitimation seines Kurses zu verstehen. Doch spätestens der 9,5-Wochen-Urlaub der Personalchefin und fette Zulagen für engste Mitarbeiter haben die Stimmung in der Bevölkerung gedreht. Auch der jüngste Versuch Willis, die völlig entglittene Situation in der Stadtpolitik mit einer Klausur und Themen, die außer Streit gestellt werden, zu retten, ist zum Scheitern verurteilt. Statt die anderen Fraktionen im Stadtsenat einzubinden, schloss er die FPÖ gleich vorweg aus. Wieder: Spaltung statt Einigung. Jetzt muss der Bürgermeister mit der unkontrollierbaren Kettenreaktion leben.

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