Leitl: Brexit ist für Österreichs Wirtschaft ein bitterer Verlust, aber kein Desaster

Zukunft der EU und Umgang mit Brexit im Zentrum des Round Table-Gesprächs von WKÖ-Präsident Leitl und Botschaftern der EU-Mitgliedstaaten in Österreich

Wien (OTS) - „Aus österreichischer Sicht ist der Brexit ein bitterer Verlust, aber kein Desaster. Dass die Briten nach dem Austritt der EU ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union mit teilweisem Zugang zur europäischen Zollunion anstreben, ist allerdings wirtschaftlich gesehen nur die drittbeste Option“, betonte Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl bei einem Round-Table mit den Botschaftern der EU-Mitgliedstaaten sowie den Vertretern von EU-Kommission und Europäischem Parlament in Österreich heute, Dienstag, in Wien. Eine Lösungsmöglichkeit der zukünftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU könnte in der Übernahme bereits bestehender EWR-Regeln bestehen.

 

Das Vereinigte Königreich ist der achtwichtigste Handelspartner für Österreich. Rund 250 heimische Unternehmen sind dort mit einer Niederlassung vertreten, die Waren-Exporte dorthin sind etliche Jahre lang deutlich stärker gestiegen als in viele andere Märkte. Zuletzt machten sich jedoch der Pfundverfall sowie Unsicherheit über die weitere Vorgehensweise infolge des Brexit-Votums negativ bemerkbar, sodass die Warenexporte vergangenes Jahr um 2 Prozent gegenüber 2015 schrumpften. Mittelfristig, so die Erwartung Leitls, würden die Auswirkungen des Brexit überschaubar sein, da eine Übergangslösung ein langsames Ausgleiten aus dem EU-Binnenmarkt ermöglichen sollte. Ein abrupter Austritt müsse unbedingt verhindert werden. „Je mehr Klarheit und Sicherheit es gibt, desto besser für die Betriebe“, so Leitl. Klar sei aber, dass es im Vereinten Königreich auf lange Sicht weniger Potenzial für österreichische Unternehmen gebe.

 

Leitl sprach bei dem Treffen auch die Position der Wirtschaftskammer zur Zukunft der EU an. Die EU-Kommission hatte dazu mit der Vorlage eines Weißbuchs einen breiten Diskussionsprozess angestoßen. „Grundsätzlich sollte sich die EU auf Maßnahmen mit einem klaren europäischen Mehrwert konzentrieren, um eine Überregulierung zu vermeiden. In jenen Bereichen, die auf EU-Ebene geregelt werden, ist das Bekenntnis der Mitgliedstaaten zu einer wirksamen Durchsetzung der beschlossenen Maßnahmen notwendig“, so der WKÖ-Präsident.

 

Eine engere Zusammenarbeit mehrerer Mitgliedstaaten – Stichwort Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten – werden in einigen Bereichen de facto schon gelebt. Beispiele sind etwa Schengen und der Euro. In einigen Bereichen wie etwa in der Umwelt-, Energie- und Verkehrspolitik seien jedoch EU-weit geltende Regelungen notwendig, um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern. Um die Wirtschafts- und Währungsunion stabiler, krisenresistenter und wettbewerbsfähiger zu machen, sei eine verstärkte Integration der Wirtschafts-, Fiskal- und Finanzpolitik notwendig, wobei diese dann auch durchgesetzt werden müsse.

 

Der WKÖ-Präsident informierte die EU-Botschafter auch über die aktuelle wirtschaftliche und politische Lage in Österreich und verwies darauf, dass Österreichs Wirtschaftswachstum heuer und 2018 gemäß EU-Prognose um je 1,7 Prozent zulegen wird. Positive Unternehmens- und Verbraucherindikatoren, also die Binnennachfrage, bleiben somit die Haupttriebfeder. Die Ausfuhren dürften in gleichem Maße wie der Welthandel kräftig anziehen, was sich wiederum positiv auf das BIP-Wachstum auswirkt. Weiteres Thema des Arbeitsgesprächs war das Programm der bevorstehenden EU-Ratspräsidentschaft Estlands. (PWK444/SR)

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